Der Bergbau lebt auf - Grube Rothläufchen fördert wieder

 

WNZ 30.07.2020

Alte Grube soll neues Wissen liefern

115 Jahre nach Stilllegung wird auf dem Gelände der Grube Rotläufchen wieder gegraben – für die Forschung

 

LAHNAU-WALDGIRMES. Wenn Max Bender den Bagger ausschaltet, dann kehrt nur kurz Stille ein. Wenig später hallen Hammerschläge durch den Wald. 115 Jahre nach der Stilllegung wird auf dem Areal der Grube Rotläufchen nördlich von Waldgirmes wieder nach Schätzen der Erde gesucht. Es sind heuer aber keine Bergleute, sondern Geologen und Geschichtsinteressierte, die auf dem Gelände des alten Brauneisensteinabbaus zum Werkzeug greifen. Unter Führung von Ralf Stahl suchen sie nach den Mineralien, die die Grube bis nach Übersee bekannt machten. Stahl ist Vorsitzender des Lahnauer Geschichtsvereins und hat für die Grabung mehrere Ziele ausgegeben: Neue Exponate fürs Heimatmuseum finden, Gesteinsproben für wissenschaftliche Analysen gewinnen und – das wäre das Sahnehäubchen – neue Mineralien

entdecken.

Die Gelegenheit ist günstig und das verdanken die Gräber der Dürre: Die Fichten, die auf dem Grubenareal wachsen, haben unter Trockenheit und Käfern gelitten und sind gefällt worden. Es besteht nun die Chance, eine große Abraumhalde zu öffnen, ohne dafür dem Wald zu schaden. Schaufel um Schaufel an Material gräbt Max Bender mit dem von der Firma Weimer zur Verfügung gestellten Bagger aus der großen Abraumhalde und schüttet es ein paar Meter weiter auf. Dann ist Handarbeit gefragt, die Männer suchen Brocken aus dem Erdhaufen

und klopfen sie auf. Stahl ist sehr dankbar für die technische Unterstützung der heimischen Firmen, auch Gartenbau Schäfer unterstützt die Mineraliensuche. Phosphatminerale wie aus Waldgirmes tauchten zwar überall entlang der Lahn auf, erklärt Geologe Jens Schneider. „Aber es gibt sie bei weitem nicht überall in einer solchen Vielfalt wie hier.“ Und das kann sogar der Laie erkennen: In leuchtendem Rot, Gelb oder Orangetönen schimmern die Steine. Kurioserweise suchen und finden die Männer im Wald bei Waldgirmes genau das, was zur aktiven Zeit der Grube unerwünscht, mithin Ausschuss war. So wie der Phosphor die Mineralien im Brauneisenstein leuchten lässt, so machte er das daraus erzeugte Gusseisen spröde, erzählt  Mineraliensammler Friedel Pfeiffer (Erda). In der Abraumhalde liegt also das, was nicht als Futter

der Wetzlarer Hütten zu gebrauchen war. Etwa 30 verschiedene Mineralien gebe es in Waldgirmes, weiß Pfeiffer, der gerade schon wieder einen Brocken in der Hand hat. „Die Mineralien bilden sich in den Hohlräumen der Steine“, erzählt er und schlägt mit dem Hammer zu. Am Klang hört er sofort, was zu erwarten ist. „Wenn der Stein schön hart ist, hat er Hohlräume.“ Und siehe da: Nach wenigen Schlägen hat Pfeiffer den Brocken geöffnet und im Inneren leuchten die Mineralien um die Wette. Morgens Löcher öffnen und nachmittags zuschütten Noch bis in den kommenden Herbst hinein wird in Waldgirmes gegraben – stets als Tagesgrabung, so ist es im Gestattungsvertrag mit der Gemeinde Lahnau geregelt. Will heißen: Die Löcher, die der Baggerfahrer morgens aufgetan hat, die schließt er am Nachmittag wieder. Stahl geht nicht davon

aus, dass es schon 2021 Exponate und Ergebnisse für eine Ausstellung im Museum gibt. Die Auswertung dauere ihre Zeit. Die Proben werden unter anderem in Genf untersucht. Von etwa 1865 bis 1905 war die Grube Rotläufchen aktiv, 65 Meter in die Erde reichte der tiefste Schacht. Noch 27 weitere Grubenfelder habe es in der Gemarkung gegeben, berichtet Stahl, der mit dem Projekt das Interesse an der lokalen Montanhistorie wieder neu erwecken will. Eine „spannende bodendenkmalpflegerische Aktion“ nannte Jan Bohaty vom Landesamt für Denkmalpflege die Grabung – von der Abteilung HessenArchäologie des Amtes stammt der Forschungsauftrag für das Projekt. Auch für die Gemeinde war klar: „Wir unterstützen dieses tolle Projekt gerne“, wie Bürgermeisterin Silvia Wrenger-Knispel (CDU) sagte. Daher die Erlaubnis, im Wald zu graben.

 

Von Pascal Reeber, WNZ

Damit der Geschichtsverein Lahnau im Wald nördlich von Waldgirmes graben kann, sind viele Akteure eingebunden: die Gemeinde, die Abteilung HessenArchäologie des Landesamtes für Denkmalpflege und der Forst. Am Mittwoch stellte Ralf Stahl, Vorsitzender des Geschichtsvereins, das Grabungs- und Forschungsprojekt vor. 

Der Hammer ist das wichtigste Werkzeug von Jens Schneider. Im Inneren der Brauneisensteinstücke findet der Geologe bei der

Grabung unterschiedliche Mineralien.

Die Enzyklopädie weiß: „Es kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem“. Der Laie erkennt das Mineral Kakoxen wohl eher an seiner

Farbe: Es ist ziemlich gelb. Die Mineralien bilden sich in den Hohlräumen der Steine. Friedel Pfeiffer, Mineraliensammler

 

Zwei besonders bekannte Mineralien, die auf der Grube Rotläufchen und in vielen anderen Gruben der Region vorkommen, sind Eleoronit und Strengit. Eleonorit wurde 1880 von August  ies nach seinem Fundort, der Grube Eleonore in Bieber benannt, Strengit 1887 zu Ehren von Professor August Streng aus Gießen. Der Status von Eleonorit als eigenständiges Mineral war lange  umstritten, bis russische Wissenschaftler es im Jahr 2015 neu untersuchten und definierten. Daraufhin wurde es von der Internationalen Mineralogischen Gesellschaft neu anerkannt.

 

 

WNZ Montag, 23.03.2020

Geschichtsverein Lahnau vor Aus?

Der Geschichtsverein Lahnau sucht nach einem neuen Vorstand. Hat das keinen Erfolg, droht dem Verein schlimmstenfalls das Aus.

LAHNAU-WALDGIRMES.
Die Gemeinde Lahnau sollte sich der Verantwortung für ihre Kulturobjekte stellen. Diese Forderung erhebt der scheidende Vorsitzende des Geschichtsvereins Lahnau, Ralf Stahl (Hohensolms): "Mit dem Römischen Forum und dem Heimatmuseum hat die Gemeinde zwei Kulturobjekte, die nicht mehr nur von Ehrenamtlichen geleitet werden können."
Er rät, einen hauptamtlichen Kulturbeauftragten einzusetzen, der auch zu anderen Vereinen in den drei Ortsteilen Kontakt suchen könnte. Beide genannten Einrichtungen gehörten der Gemeinde. Der Geschichtsverein habe nur einen Vertrag mit der Kommune zum Betreiben des Heimatmuseums.

Hoffen, dass Bekundungen jetzt auch Taten folgen Hintergrund ist die aktuelle Vorstandssuche des Geschichtsvereins. Der 61-jährige Stahl war 1977 Gründungsmitglied des Vereins, der sich zunächst "Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft Lahntal" nannte. Seit 37 Jahren gehört er dem Vorstand an. Zunächst begann er 1983 im erweiterten Vorstand als Beisitzer. Zehn Jahre lang war er Kassenwart. Inzwischen ist er seit zehn Jahren Vorsitzender. Schon vor drei Jahren wollte Stahl aus familiären Gründen sein Amt niederlegen. Doch es fand sich kein Nachfolger. Annette Greier schied damals aus dem Gremium aus. Stahl und sein Stellvertreter Klaus Wenzel blieben als Notvorstand im Amt. Doch jetzt wollen beide nicht mehr weitermachen.
Ein Informationsabend des Geschichtsvereins, bei dem es um die Zukunft und die Arbeit im Vorstand ging, war nur mäßig besucht, obwohl dem Verein 200 Mitglieder angehören. Es seien einige Bekundungen eingegangen, dass man den Vorstand unterstützen wolle. Ein Verein aber brauche allein schon aus rechtlichen Gründen einen Vorsitzenden, der gegenüber dem Amtsgericht die Verantwortung übernehme. Stahl bedauerte, dass aus der Kommunalpolitik kein Vertreter an der Sitzung teilgenommen hatte. Das Thema Vorstandsnachfolge sei ein generelles, das nicht nur den Geschichtsverein treffe.

Hauptversammlung wegen Coronakrise verschoben
Wegen der Coronapandemie ist die für Ende März angesetzte Jahreshauptversammlung auf unbestimmte Zeit verschoben. So lange werden Stahl und Wenzel die Geschicke noch führen. Sollte sich niemand finden, der die Arbeit übernehmen will, müsse man den Gang zum Amtsgericht antreten.

Stahl hofft, dass sich bis zur Jahreshauptversammlung im Sommer oder Herbst eine Lösung auftut, damit das jahrzehntelange Engagement zum Erhalt des Heimatmuseums kein jähes Ende nimmt. Der Verein war auf Initiative von Hedwig Schmidt gegründet worden und fand in der alten Dorfschule in der Friedensstraße sein Domizil. Von Beginn an waren die Förderung der Heimatpflege und der Heimatkunde sowie die Förderung des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege Ziele des Vereins. Er setzt sich für das Erforschen der Geschichte und die Dokumentation, für die Publikation und die Präsentation dieser Ergebnisse, das Durchführen von wissenschaftlichen Vorträgen und Exkursionen, die Benennung oder die Bewahrung von erhaltenswerten Objekten (Bau-, Boden-und Kulturdenkmälern) nach dem Denkmalschutzgesetz, für die Sicherung und Förderung von regionalem Brauchtum und für die Erforschung von archäologischen Kulturwerten ein.
WNZ, Freitag, 28.02.2020 - 18:00 

 

Lahnauer Geschichtsverein braucht drei neue Köpfe für den Vorstand

 

Ralf Stahl und Klaus Wenzel, die beiden verbliebenen Vorstandsmitglieder des Lahnauer Geschichtsvereins, hören auf. Nachfolger sind jedoch nicht in Sicht. Steht der Verein vor dem Aus?

Lahnau-Waldgirmes. Sie würden den Staffelstab gern weitergeben: Ralf Stahl und Klaus Wenzel, die beiden verbliebenen Vorstandsmitglieder des Lahnauer Geschichtsvereins. Jedoch: Es ist niemand in Sicht, der ihn aufnehmen möchte. In der Jahreshauptversammlung Ende März stellen sich beide nicht mehr zur Wahl.
"Wir haben es zehn Jahre gemacht und aktuell Aufgaben, die wichtiger sind", erklärt Stahl den Rückzug. Nun läuft die Suche nach neuen Vorständen und damit nach einer Zukunft für den Verein.

Zwar sind Stahl und Wenzel bereit, noch ein halbes Jahr kommissarisch im Amt zu bleiben - bis zum Termin einer erneuten Vollversammlung, falls sich im März kein neuer Vorstand findet.
Dann aber sei definitiv Schluss, machen die beiden Männer klar. Und damit wäre womöglich auch der Verein am Ende. "Ohne Vorstand würde der Verein den Trägerschaftsvertrag mit der Gemeinde über das Museum kündigen müssen", erklärt Stahl. "Das würde eine große Lücke in Lahnau reißen."
Und die Gemeinde unter Umständen Geld kosten. Denn das Museum gehört der Gemeinde, wird bisher vom Geschichtsverein betrieben. Fällt der Vertrag, fällt die Betreuung. "Dann müsste die Gemeinde eine Museumsfachkraft einstellen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten", macht Stahl die Folgen klar.

Doch nicht nur aus Rücksicht auf das gemeindliche Girokonto hoffen Stahl, Wenzel und die bis vor drei Jahren zum Vorstand gehörende Annette Greier, dass sich bis zur Hauptversammlung Kandidaten für den Vorstand finden. "Man kann beim Geschichtsverein unheimlich kreativ sein und sich einbringen", sagt Greier. Und man kann selbst forschen. "Wenn ich zum Beispiel ein Faible fürs Kochen habe, kann ich anhand unserer Exponate herausfinden, wie man früher kochte. Das ist toll."

Das besondere beim Geschichtsverein ist, dass die drei Mitglieder des geschäftsführenden Vorstandes gleichberechtigt arbeiten. Es gibt zwar eine Aufteilung - der Vorsitzende repräsentiert und führt den Verein, Vorstandsmitglied Nummer zwei betreut die Kasse und der oder die Dritte im Bunde ist für das Museum zuständig. Grundsätzlich arbeite man aber auf Augenhöhe, vertrete sich. "Wir haben das System vor drei Jahren geändert. Wir fanden, es braucht heutzutage im Verein keinen großen Zampano mehr", erläutert Greier.
Es sind also drei Teamplayer gesucht. Wie würde ein idealer Kandidat aussehen? "Ein Jungrentner mit Interesse an Kommunikation und Geschichte, der gern mit Menschen umgeht", umschreibt Stahl. Rund eine Stunde am Tag investiert der aktuelle Vorsitzende in die Arbeit.
Das sollten auch die potenziellen Interessenten mitbringen, idealerweise auch mal Zeit für Veranstaltungen unter der Woche haben. "Der Verein sucht ja auch den Kontakt zu Schulen, um Wissen über Geschichte zu vermitteln", erklärt Greier. Nur dass das in den vergangenen Jahren wegen der Berufstätigkeit den Vorstandsmitgliedern kaum möglich war. Dienlich wäre auch, wenn sich "Eingeborene" finden, sind sich Stahl, Wenzel und Greier einig. Wegen der Präsenz vor Ort und des Kontaktes zu anderen Vereinen und Bevölkerung. "Man sollte technisch affin und mit Computern vertraut sein, der Kassierer auch mit Rechnungen", sagt Stahl. "So ein Vorstand ist eine kleine Firma."
Interessierte sollten großen Chancen offen gegenüber stehen: Das Heimatmuseum soll sich weiterentwickeln, aus dem gesamten Areal im Idealfall eine Art Treffpunkt im Dorf werden - so die Idee des aktuellen Vorstandes. Ein neues Museumskonzept soll die Basis sein. Zwei Firmen, die das erstellen wollen, hätten sich bereits gemeldet, sagt Stahl. Dafür sei aber die gemeinsame Abstimmung mit der Gemeinde nötig, ein Termin bisher nicht gefunden.

Stahl hofft auf etwas mehr Tempo der Politik. Für den 16. März ist eine Sitzung des Sozialausschusses angesetzt. Die letzte war mangels Themen ausgefallen.

 

12.06.2017

 

Mit dem Herzen verstehen alle Platt

 

KONZERT 150 Besucher hören "Meelstaa" im Museumshof in Waldgirmes

 

Lahnau Wer gute Musik verbinden möchte mit heimischer Mundart, der muss einfach auf ein "Meelstaa"-Konzert gehen.

 

Die Gelegenheit nahmen rund 150 Besucher wahr, die sich am Samstagabend im Hof des Heimatmuseums Lahnau einfanden. Das Quartett spielte auf Einladung des Geschichtsvereins Lahnau in dem schönen Ambiente auf und bereitete den Zuhörern einen wunderbaren musikalischen Abend.

 

Jeder der vier Musiker spielte auf hohem Niveau und mit Herzblut: der Dorlarer Berthold Schäfer, Gründungsmitglied des "Meelstaa"-Vorgängers "Fäägmeel", Clemens Goth aus Brandoberndorf, ehemaliger Bassist der "Oldies", Jens Schneider aus Waldgirmes und David Domine. Sie zeigten ihr musikalisches Können und ihre Wandlungsfähigkeit, verbanden manchmal melancholische (zum Beispiel "Hearbstbloihe"), manchmal hintersinnige ("Imwäje") oder einfach auch lustige Texte ("Gaastebock") mit abwechslungsreichen Rhythmen von Country bis Rumba.
Publikum hört die Weltpremiere eines Liedes über Menschen, die meinen, sie könnten alles selbst reparieren. Viele Liedtexte stammten mitten aus dem Leben und hatten einen sehr hohen Wiedererkennungswert wie "Küssche hai, Küssche do" über oberflächliche Menschen oder "En Samstoag im Bett" mit einem schönen Lob auf die Faulheit. Im Rahmen des Konzerts kam es zu der Welturaufführung eines neuen Lieds über einen nur allzu bekannten Menschentypus, der meint, alles selbst reparieren zu können ("Elektriker"). Auch wenn sicher nicht jeder Zuhörer alle Worte der Lieder auf Platt verstehen konnte, so rissen die Musik und die gute Stimmung alle Menschen im Museumshof mit. Sie lauschten "mit den Herzen", wie es der Vorstand des Geschichtsvereins Ralf Stahl in einführenden Worten gewünscht hatte. Mit dem Konzert leisteten der Geschichtsverein und "Meelstaa" ihren Beitrag, das "Platt als Stück Kultur, das erhalten werden muss", so Berthold Schäfer, den Menschen nahe zu bringen. Dies haben sie in der unterhaltsamsten Weise getan. (ag)

WNZ 13.04.2017
Lehrerbestechung mit Naturalien

ERZÄHLCAFE Besucher erinnern sich im Heimatmuseum in Waldgirmes an lustige, ernste und kuriose Geschichten aus ihrer Schulzeit

Treffen an einem historischen Ort: Im Heimatmuseum, wo sich früher eine von drei Waldgirmeser Schulen befand, schwelgten die Besucher des Erzählcafés in Erinnerungen. (Foto: Carsten Scherer)

Vorstandsmitglied Annette Greier führte mit einem Kurzvortrag in die Thematik ein und berichtete aus der Schulchronik, welche die Hauptlehrer Klein, Kraft und Willig von 1912 bis 1944 geführt hatten. Die Schülerzahlen schwankten in diesen Jahren zwischen rund 250 und über 300 Schülern.

60 Kinder pro Klasse - das war Vorschrift

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Die gesetzlich vorgeschriebene Schülerzahl von 60 Kindern pro Klasse wurde mehr als einmal überschritten, was Helga und Eugen Hofmann aus eigener Erfahrung bestätigten. Dies lag zum einen daran, dass fast stets zu wenige Lehrerstellen besetzt waren und zum anderen an der großen Kinderschar vor allem in den Kriegsjahren durch die Landverschickung.

Helga Hofmann, Jahrgang 1936, zeigte ein Foto ihrer Schulklasse mit mehr als 50 Kindern. Dabei war die Klasse noch nicht einmal vollständig, wie ihre Klassenkameradin Marianne Gerhardt sich erinnerte, weil sie selbst an diesem Tag gefehlt hatte.

Nicht nur die Schülerzahlen, auch die Zielsetzung von Schule hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert: Ging es zum Beispiel im 19. Jahrhundert vor allem darum, obrigkeitshörige Untertanen heranzuziehen, die gerade genug lernten, dass vor allem die jungen Männer als Soldaten in der Armee ihren Dienst tun konnten, standen für den Lehrer Klein Anfang des 20. Jahrhunderts Gottesfurcht, Kaisertreue und Vaterlandliebe im Fokus. Sein Nachfolger Kraft äußerte sich anfangs etwas neutraler, doch im Laufe der Chronik wurden die Töne immer nationaler. Sein Sohn gehörte zu einer frühen nationalsozialistisch aktiven Gruppe, welche als Mandolinengruppe getarnt den Schulsaal für ihre Versammlungen nutzte.

Wie schon im Ersten Weltkrieg wurden die Schüler auch im Zweiten Weltkrieg zu Hilfsarbeiten herangezogen: Sie mussten Materialien wie Metalle, Altkleider, Bucheckern und mehr sammeln und andere kriegswichtige Unterstützung leisten. Besonders interessant war, dass die Schulen in Waldgirmes - ziemlich erfolgreich - Seidenraupenzuchten betrieben, um den dringend für Fallschirme benötigten Rohstoff in großen Mengen zu produzieren. Eugen Hofmann berichtete, dass Seidenraupenzuchten an vielen Schulen dieser Zeit üblich waren.

Mitschüler muss "blauen Brief" bringen

Günter Bills Erinnerungen an seine Schulzeit muteten stellenweise wie die gesammelten Lausbubengeschichten an, denn er erzählte mit viel Schalk von zahlreichen Streichen und Späßen. Das musste natürlich auch einmal schiefgehen: Als ein Fußball statt im Tor auf einem Mitschüler gelandet war, schrieb Lehrer Arnold einen Brief und gab diesen einem Mitschüler, welcher ihn auch getreu zu Günters Eltern brachte, "anstatt diesen auf dem Weg in einem Gullydeckel verschwinden zu lassen". Die Strafe, welche der kleine Günter damals vom Vater erhielt, trägt der große Günter (Jahrgang 1938) noch heute seinem damaligen Mitschüler nach.

Günter Bill erinnerte sich an viele Einzelheiten und zog seine damalige Mitschülerin Irmgart Rohrbach mit der Geschichte einer Tasse auf. Der Hintergrund dazu war jedoch nicht so lustig: Damals war es üblich, dem Lehrer zum Beispiel von der Hausschlachtung etwas mitzubringen, was sich durchaus positiv auf die Notengebung auswirkte. Doch die kleine Irmgart hatte ihren Vater im Krieg verloren und lebte mit ihrer Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen. Weil auch sie endlich einmal dem Lehrer etwas schenken wollte, nahm sie dazu eine Tasse aus dem Geschirr ihrer Mutter. Diese musste, als die Tat zutage trat, zum Lehrer gehen, um die Tasse wieder zurückzuholen. Irmgart musste also aus eigener Leistung gute Noten erzielen, was ihr auch gelang. Dennoch konnte sie nicht eine Ausbildung zu ihren Traumberuf als Verkäuferin absolvieren, sondern musste sofort nach Abschluss der Volksschule in der örtlichen Zigarrenfabrik arbeiten, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. Die ursprünglich vor dem Erzählcafé vorgesehene Führung zu den früheren Dorfschulen musste wegen Krankheit verschoben werden. Der neue Termin wird bekannt gegeben. (ag)

Vorsitzender Ralf Stahl blickte auf das vergangene Jahr zurück und freute sich über die neuen Impulse, welche die Vereinstätigkeiten inzwischen wieder breiter aufstellen: Erfolgreich sei die Arbeit der von Tanja Bernhardt-Scherer geleiteten Bastelgruppe "Ideenreich", unter anderem die gut besuchten Kurse der Ferienspiele, bei denen die Kinder bastelten und auch das Museum kennenlernten. Eine Erfolgsgeschichte sei auch der Seniorennachmittag der Gemeinde im Museum, bei denen sowohl das "Ideenreich" als auch die Volksliedgruppe des Vereins unter Leitung von Helga Hofmann wesentlich zum Gelingen beitrugen. Selbstkritisch merkte Stahl aber auch an, dass einige Vorhaben nicht umgesetzt werden konnten, insbesondere die verstärkte Präsentation des Vereins in allen drei Ortsteilen und ein neues Ausstellungskonzept für die Remise.

Ein wesentlicher Punkt, der 2016 von Berthold Burzel in den Fokus gestellt worden war, wurde jedoch umgesetzt: Kinder wieder verstärkt an das Museum heranzuführen. Nicht nur die Kurse der Ferienspiele hatten mehr Anmeldungen, als Plätze zur Verfügung standen, sondern im Herbst besuchten außerdem drei Schulklassen das Museum und erhielten dort durch Annette Greier und Ralf Stahl als Ergänzung zum Schulunterricht Führungen zum Thema "Ernte". Dieser gute Ansatz soll weiter ausgebaut werden.

 

Sparte Mundart ist weiter verwaist!

 

Zum neuen Spartenleiter Foto und Film wurde Carsten Scherer gewählt, der damit Martin Mossberger ablöst. Verwaist bleiben die Sparten Mundart, nachdem Elise Schmidt deren Leitung aufgeben musste, und - wie in den Vorjahren - Heimatgeschichte und Schule. Der Vorstand wird dazu mit potenziellen Kandidaten Gespräche führen, in der Hoffnung, auch dort wieder Aktive zu gewinnen.

Die Jahresplanung 2017 steht im Zeichen des Vereinsjubiläums: Am 29. April ist der "Akademische Abend" mit vielen Erinnerungen und einem Ein-Frauen-Theaterstück in Mundart geplant, am 21. Mai folgt zum internationalen Museumstag eine bunte Veranstaltung mit zahlreichen Handwerkern im Heimatmuseum. Am 10. Juni tritt die Mundartgruppe "Meelstaa" im Museumshof auf und für den 26. August kann man sich schon Termin für den nächsten Grenzgang frei halten.

Zum Abschluss der Versammlung wurde es dann noch einmal amüsant und lehrreich: Der frühere Dekan Dieter Schwarz hielt einen Vortrag zum Redensarten, sowohl in Mundart als auch Allgemeingebräuchliches wie "etwas auf dem Kerbholz haben" (= der Wirt kerbte in ein Holz die Schulden der Gäste). Zwischendurch lockerte Schwarz den Vortrag musikalisch auf und animierte zum Mitsingen von Volksliedern. (ag/mo)