12.06.2017

 

Mit dem Herzen verstehen alle Platt

 

KONZERT 150 Besucher hören "Meelstaa" im Museumshof in Waldgirmes

 

Lahnau Wer gute Musik verbinden möchte mit heimischer Mundart, der muss einfach auf ein "Meelstaa"-Konzert gehen.

 

Die Gelegenheit nahmen rund 150 Besucher wahr, die sich am Samstagabend im Hof des Heimatmuseums Lahnau einfanden. Das Quartett spielte auf Einladung des Geschichtsvereins Lahnau in dem schönen Ambiente auf und bereitete den Zuhörern einen wunderbaren musikalischen Abend.

 

Jeder der vier Musiker spielte auf hohem Niveau und mit Herzblut: der Dorlarer Berthold Schäfer, Gründungsmitglied des "Meelstaa"-Vorgängers "Fäägmeel", Clemens Goth aus Brandoberndorf, ehemaliger Bassist der "Oldies", Jens Schneider aus Waldgirmes und David Domine. Sie zeigten ihr musikalisches Können und ihre Wandlungsfähigkeit, verbanden manchmal melancholische (zum Beispiel "Hearbstbloihe"), manchmal hintersinnige ("Imwäje") oder einfach auch lustige Texte ("Gaastebock") mit abwechslungsreichen Rhythmen von Country bis Rumba.
Publikum hört die Weltpremiere eines Liedes über Menschen, die meinen, sie könnten alles selbst reparieren. Viele Liedtexte stammten mitten aus dem Leben und hatten einen sehr hohen Wiedererkennungswert wie "Küssche hai, Küssche do" über oberflächliche Menschen oder "En Samstoag im Bett" mit einem schönen Lob auf die Faulheit. Im Rahmen des Konzerts kam es zu der Welturaufführung eines neuen Lieds über einen nur allzu bekannten Menschentypus, der meint, alles selbst reparieren zu können ("Elektriker"). Auch wenn sicher nicht jeder Zuhörer alle Worte der Lieder auf Platt verstehen konnte, so rissen die Musik und die gute Stimmung alle Menschen im Museumshof mit. Sie lauschten "mit den Herzen", wie es der Vorstand des Geschichtsvereins Ralf Stahl in einführenden Worten gewünscht hatte. Mit dem Konzert leisteten der Geschichtsverein und "Meelstaa" ihren Beitrag, das "Platt als Stück Kultur, das erhalten werden muss", so Berthold Schäfer, den Menschen nahe zu bringen. Dies haben sie in der unterhaltsamsten Weise getan. (ag)

WNZ 13.04.2017
Lehrerbestechung mit Naturalien

ERZÄHLCAFE Besucher erinnern sich im Heimatmuseum in Waldgirmes an lustige, ernste und kuriose Geschichten aus ihrer Schulzeit

Treffen an einem historischen Ort: Im Heimatmuseum, wo sich früher eine von drei Waldgirmeser Schulen befand, schwelgten die Besucher des Erzählcafés in Erinnerungen. (Foto: Carsten Scherer)

Vorstandsmitglied Annette Greier führte mit einem Kurzvortrag in die Thematik ein und berichtete aus der Schulchronik, welche die Hauptlehrer Klein, Kraft und Willig von 1912 bis 1944 geführt hatten. Die Schülerzahlen schwankten in diesen Jahren zwischen rund 250 und über 300 Schülern.

60 Kinder pro Klasse - das war Vorschrift

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Die gesetzlich vorgeschriebene Schülerzahl von 60 Kindern pro Klasse wurde mehr als einmal überschritten, was Helga und Eugen Hofmann aus eigener Erfahrung bestätigten. Dies lag zum einen daran, dass fast stets zu wenige Lehrerstellen besetzt waren und zum anderen an der großen Kinderschar vor allem in den Kriegsjahren durch die Landverschickung.

Helga Hofmann, Jahrgang 1936, zeigte ein Foto ihrer Schulklasse mit mehr als 50 Kindern. Dabei war die Klasse noch nicht einmal vollständig, wie ihre Klassenkameradin Marianne Gerhardt sich erinnerte, weil sie selbst an diesem Tag gefehlt hatte.

Nicht nur die Schülerzahlen, auch die Zielsetzung von Schule hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert: Ging es zum Beispiel im 19. Jahrhundert vor allem darum, obrigkeitshörige Untertanen heranzuziehen, die gerade genug lernten, dass vor allem die jungen Männer als Soldaten in der Armee ihren Dienst tun konnten, standen für den Lehrer Klein Anfang des 20. Jahrhunderts Gottesfurcht, Kaisertreue und Vaterlandliebe im Fokus. Sein Nachfolger Kraft äußerte sich anfangs etwas neutraler, doch im Laufe der Chronik wurden die Töne immer nationaler. Sein Sohn gehörte zu einer frühen nationalsozialistisch aktiven Gruppe, welche als Mandolinengruppe getarnt den Schulsaal für ihre Versammlungen nutzte.

Wie schon im Ersten Weltkrieg wurden die Schüler auch im Zweiten Weltkrieg zu Hilfsarbeiten herangezogen: Sie mussten Materialien wie Metalle, Altkleider, Bucheckern und mehr sammeln und andere kriegswichtige Unterstützung leisten. Besonders interessant war, dass die Schulen in Waldgirmes - ziemlich erfolgreich - Seidenraupenzuchten betrieben, um den dringend für Fallschirme benötigten Rohstoff in großen Mengen zu produzieren. Eugen Hofmann berichtete, dass Seidenraupenzuchten an vielen Schulen dieser Zeit üblich waren.

Mitschüler muss "blauen Brief" bringen

Günter Bills Erinnerungen an seine Schulzeit muteten stellenweise wie die gesammelten Lausbubengeschichten an, denn er erzählte mit viel Schalk von zahlreichen Streichen und Späßen. Das musste natürlich auch einmal schiefgehen: Als ein Fußball statt im Tor auf einem Mitschüler gelandet war, schrieb Lehrer Arnold einen Brief und gab diesen einem Mitschüler, welcher ihn auch getreu zu Günters Eltern brachte, "anstatt diesen auf dem Weg in einem Gullydeckel verschwinden zu lassen". Die Strafe, welche der kleine Günter damals vom Vater erhielt, trägt der große Günter (Jahrgang 1938) noch heute seinem damaligen Mitschüler nach.

Günter Bill erinnerte sich an viele Einzelheiten und zog seine damalige Mitschülerin Irmgart Rohrbach mit der Geschichte einer Tasse auf. Der Hintergrund dazu war jedoch nicht so lustig: Damals war es üblich, dem Lehrer zum Beispiel von der Hausschlachtung etwas mitzubringen, was sich durchaus positiv auf die Notengebung auswirkte. Doch die kleine Irmgart hatte ihren Vater im Krieg verloren und lebte mit ihrer Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen. Weil auch sie endlich einmal dem Lehrer etwas schenken wollte, nahm sie dazu eine Tasse aus dem Geschirr ihrer Mutter. Diese musste, als die Tat zutage trat, zum Lehrer gehen, um die Tasse wieder zurückzuholen. Irmgart musste also aus eigener Leistung gute Noten erzielen, was ihr auch gelang. Dennoch konnte sie nicht eine Ausbildung zu ihren Traumberuf als Verkäuferin absolvieren, sondern musste sofort nach Abschluss der Volksschule in der örtlichen Zigarrenfabrik arbeiten, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. Die ursprünglich vor dem Erzählcafé vorgesehene Führung zu den früheren Dorfschulen musste wegen Krankheit verschoben werden. Der neue Termin wird bekannt gegeben. (ag)

Vorsitzender Ralf Stahl blickte auf das vergangene Jahr zurück und freute sich über die neuen Impulse, welche die Vereinstätigkeiten inzwischen wieder breiter aufstellen: Erfolgreich sei die Arbeit der von Tanja Bernhardt-Scherer geleiteten Bastelgruppe "Ideenreich", unter anderem die gut besuchten Kurse der Ferienspiele, bei denen die Kinder bastelten und auch das Museum kennenlernten. Eine Erfolgsgeschichte sei auch der Seniorennachmittag der Gemeinde im Museum, bei denen sowohl das "Ideenreich" als auch die Volksliedgruppe des Vereins unter Leitung von Helga Hofmann wesentlich zum Gelingen beitrugen. Selbstkritisch merkte Stahl aber auch an, dass einige Vorhaben nicht umgesetzt werden konnten, insbesondere die verstärkte Präsentation des Vereins in allen drei Ortsteilen und ein neues Ausstellungskonzept für die Remise.

Ein wesentlicher Punkt, der 2016 von Berthold Burzel in den Fokus gestellt worden war, wurde jedoch umgesetzt: Kinder wieder verstärkt an das Museum heranzuführen. Nicht nur die Kurse der Ferienspiele hatten mehr Anmeldungen, als Plätze zur Verfügung standen, sondern im Herbst besuchten außerdem drei Schulklassen das Museum und erhielten dort durch Annette Greier und Ralf Stahl als Ergänzung zum Schulunterricht Führungen zum Thema "Ernte". Dieser gute Ansatz soll weiter ausgebaut werden.

 

Sparte Mundart ist weiter verwaist!

 

Zum neuen Spartenleiter Foto und Film wurde Carsten Scherer gewählt, der damit Martin Mossberger ablöst. Verwaist bleiben die Sparten Mundart, nachdem Elise Schmidt deren Leitung aufgeben musste, und - wie in den Vorjahren - Heimatgeschichte und Schule. Der Vorstand wird dazu mit potenziellen Kandidaten Gespräche führen, in der Hoffnung, auch dort wieder Aktive zu gewinnen.

Die Jahresplanung 2017 steht im Zeichen des Vereinsjubiläums: Am 29. April ist der "Akademische Abend" mit vielen Erinnerungen und einem Ein-Frauen-Theaterstück in Mundart geplant, am 21. Mai folgt zum internationalen Museumstag eine bunte Veranstaltung mit zahlreichen Handwerkern im Heimatmuseum. Am 10. Juni tritt die Mundartgruppe "Meelstaa" im Museumshof auf und für den 26. August kann man sich schon Termin für den nächsten Grenzgang frei halten.

Zum Abschluss der Versammlung wurde es dann noch einmal amüsant und lehrreich: Der frühere Dekan Dieter Schwarz hielt einen Vortrag zum Redensarten, sowohl in Mundart als auch Allgemeingebräuchliches wie "etwas auf dem Kerbholz haben" (= der Wirt kerbte in ein Holz die Schulden der Gäste). Zwischendurch lockerte Schwarz den Vortrag musikalisch auf und animierte zum Mitsingen von Volksliedern. (ag/mo)